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METHODOLOGIE Labor

Kamera-Ethnographie stellt als bildgebendes Verfahren eine Alternative zu Strategien dar, die auf technisch generierte Aufzeichnungen setzen. Stattdessen befasst sie sich mit Versuchen des Wahrnehmens, Sichtbarmachens, Unterscheidens, Ordnens und Zusammensetzens und so mit dem Sehen im Rahmen der Kommunikation ethnographischer Erfahrung.

Miit filmischen Mitteln (Kameraeinstellungen, Kameraführung, Schnitt, Montage) zielt der kamera-ethnographische Forschungsansatz auf eine "zeigende Ethnographie" und eine "visuelle Analytik", die sich in und zwischen den Bildern entfaltet. Kamera-Ethnographie fasst Forschung als Wissensbewegung auf und eignet sich dazu, die Dynamik des Wissens und nicht Wissens, Hinschauens und Fragens, Sehens und Zeigens im Modus des Arrangements zu gestalten und zu veröffentlichen. An kamera-ethnographischen Filmen, Videoinstallationen oder internetbasierten Anordnungen wird auch das Publikum zur Mitforscherin/ zum Mitforscher.

Kamera-Ethnographie (Mohn) ist im Umherziehen zwischen Kulturanthropologie und Soziologie entstanden. Kulturanthropologische Repräsentationskritik („Writing-Culture“ Debatte: Clifford, Marcus, Geertz u.a.) und die wissenschaftssoziologischen Laborstudien („Fabrikation von Erkenntnis“: Knorr, Latour, Lynch u.a.) sind ebenso Bezugspunkte wie das praxeologische Ethnographiekonzept „Die Befremdung der eigenen Kultur“ (Amann, Hirschauer) oder die inspirierende Wittgenstein-Lesart Birgit Grieseckes im Rahmen ihres Buches "Japan dicht beschreiben. Produktive Fiktionalität in der ethnographischen Forschung". Im Dialog um die Entwicklung kamera-ethnographischer Methodologie stehen Bina Elisabeth Mohn (Kulturanthropologin, Begründerin der Kamera-Ethnographie) und Klaus Amann (Wissenschaftssoziologe, an der Entwicklung und Erprobung der Kamera-Ethnographie beteiligt) auch als Personen für eine interdisziplinäre Rahmung, in der Impulse aus der Kulturantropopologie und Visuellen Anthropologie, aus der soziologischen Wissenschaftsforschung und dem empirischen Konstruktivismus sowie aus der phänomenologisch orientierten Philosophie (Witgenstein) sich aufeinander beziehen und aneinander verändern.

Neben dem Buch „Filming Culture: Spielarten des Dokumentierens nach der Repräsentationskrise“ (Mohn 2002) liegen mehrere einführende Texte zur Kamera-Ethnographie vor, die unterschiedlich akzentuiert sind, z.B.: Forschung mit der Kamera (Mohn/Amann 1998); Vom Blickentwurf zur Denkbewegung (Mohn 2007); Die Kunst des dichten Zeigens (Mohn 2008a); Im Denkstilvergleich entstanden (Mohn 2008b); Zwischen Blicken und Worten (Mohn 2010); Methodologie des forschenden Blicks (Mohn 2011); Differenzen zeigender Ethnographie (Mohn 2013).

Merkmale kamera-ethnographischer Methodologie:

Kamera-Ethnographie gibt die Trennung in Datenerhebung und Analyse auf, zugunsten von sechs Phasen der Blickarbeit, die in zirkulären Wechselspielen und nicht strikt nacheinander stattfinden:

Feldforschungsphasen: Blickschneisen

Die Kamera wird zum „Caméra Stylo“. Ohne festen Drehplan beobachten die filmenden Ethnograph/innen anhand von "Wie-Fragen" und Blickschneisen. Ihre Kamera-Einstellungen verleihen dem sich entwickelnden Interesse an „etwas“ die erforderliche unbestimmte Gestalt, in die hinein sich im weiteren Prozess des Forschens seine Entdeckung einzustellen vermag.

Laborphasen: Versuchsanordnungen

Beim fokussierenden Schneiden wird weiterhin an der Beobachtbarkeit gearbeitet, ein experimentelles Verfahren, bei dem Blickstrategien erprobt und durch unterschiedliche Arrangements der Bildsequenzen materialisiert werden. Es sind Suchbewegungen und zuweilen "wilde" Rekonfigurationen des Filmmaterial, was die experimentellen Praktiken des Zerlegens und Montierens, Ordnens und Umordnens, Entwerfens und Verwerfens zu einem Wissensgenerator macht. Im mehrfachen Wechseln zwischen Feld- und Laborphasen lassen sich Forschungsfragen und Filmmaterial, Schnittfassungen und Arrangements von Filmfragmenten oder Stills sowie diverses Tonmaterial aneinander gestalten.

Publikationsphasen: Analytische Arrangements und Dichtes Zeigen

In Filmen, nebeneinander arrangierten Filmfragmenten oder Standbildfolgen in Texten werden die erarbeiteten Blickpositionen und Sichtweisen auch im Hinblick auf ihre Publikationskontexte zum Ausdruck gebracht und zu diesem Zweck evtl. rhetorisch, ästhetisch, dramaturgisch und didaktisch überarbeitet. Ziel ist die Erprobung einer zeigenden Ethnographie, welche die bisherigen sowie weitere Prozesse des Hinschauens und "Sehens als" organisieren hilft und dabei einen vorrangig präsentativen (statt ausschließlich diskursiven) Wissensmodus pflegt.

Rezeptionsphasen: Blickstile und Dialog

Bei der Rezeption vorgeführter Filme oder einer im Raum angeordneten Videoinstallation treffen die Bild gewordenen Blickentwürfe von Forscher/innen auf Blickstile der jeweiligen Rezipient/innen, was eine forschende Rezeption erlaubt, Stoff für Feedback-Erhebungen bietet und Dialog ermöglicht. Ergebnisse werden im jeweiligen sozialen Ereignis ihrer Rezeption erst "realisiert" und somit co-verfertigt.

Reflexionsphasen: Wissenschaftsforschung

Medialität und Methodologie, Gezeigtes und nicht Gezeigtes zu reflektieren und so das eigene Tun mit zu beforschen, sorgt für kontinuierliche methodologische Innovation.

Anwendungsphasen: Gesellschaft als Labor

Welche Relevanz hat Forschung für die Praxis? Wie lassen sich Erkenntnisse umsetzen? Wie kann Forschung dennoch offen bleiben für einen ethnographischen „fremden“ Blick? Wie können Praxisfelder Laboratorien weiteren Forschens sein?

Kamera-Ethnographie verzeitlicht die Paradoxien ethnographischen Forschens und kann durch Registerwechsel der vier Spielarten des Dokumentierens (Mohn 2002) ihre Effekte genau dann und dort nutzen, wo sie die Dynamik des Forschens befördern. Dies begründet eine situierte Forschungsmethodologie und eine Pragmatik des forschenden Blicks.

Impressum kontakt@kamera-ethnographie.de
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